Lesbische Spuren im Film


Die neunziger Jahre


SalmonberriesUnter KollegenMein ist dein ganzes HerzKommt Mausi 'raus?Unbeständig und kühlDie KonkurrentinAlles wird gutDas HochzeitsgeschenkAimée und Jaguar


1991 inszenierte Percy Adlon "Salmonberries" und besetzte die eigenartige, wortkarge Hauptfigur Kotzebue mit der lesbischen Ikone der Folkszene, k.d. lang. Aber ihre Versuche, sich einer spröden Deutschen zu nähern, bleiben im Ansatz stecken und machen den Film für die Zuschauerin zu einer Tortur. Kotzebue sucht ihre Identität, eine Bibliothekarin hilft ihr dabei, verweigert jedoch dabei die Nähe, die auch der Film selbst nicht zu händeln weiß. Obwohl Kotzebue Roswitha bei ihrer eigenen Vergangenheitsbewältigung nach Deutschland begleitet, bleiben sich die beiden fremd.


Zur gleichen Zeit drehte Claus-Michael Rohne seinen Abschlussfilm für die Hochschule für Fernsehen und Film in München: "Unter Kollegen ".1 Die lesbische Ulrike Folkerts, die ja erst ein paar Jahre später vom "Stern" geoutet wurde,2 spielte hier bereits den mehr oder weniger deutlichen Part einer lesbischen Beziehung. Auf einem Betriebsausflug baggert ihre Liebste alles an, was sich bewegt. Die lesbische Beziehung – nicht explizit benannt – wird aber nicht zuletzt dadurch offensichtlich, dass jene Daniela nach kurzer Zeit auch mit der Frau des neuen Abteilungsleiters anbändelt.


In den Neunzigern kommt der Durchbruch für den Frauenfilm. Frauen erhalten mehr Hauptrollen, lassen sich nicht mehr alles bieten und lieben, wen sie wollen. Das schlägt sich auch in den lesbenrelevanten Produktionen nieder. "Mein ist dein ganzes Herz " (1992, Elke Götz) persifliert augenzwinkernd das Leben einer biederen Buchhalterin, die mit ihrer besitzergreifenden Mutter zusammenlebt. Als sich Hilde in die wirklich coole Wurstverkäuferin Gisela verliebt, die ihr auch „die Szene“ nahe bringt, muss sich Hilde zwischen ihrer Mutter und ihrer neuen Liebe entscheiden.


Großes Aufsehen erregte 1994 "Kommt Mausi raus?" von Angelina Maccarone und Alexander Scherer. Diese schnörkellose und unterhaltsame Coming-Out-Geschichte einer jungen, schüchternen Studentin lief im Ersten Deutschen Fernsehen zur besten Sendezeit,3 nämlich direkt nach der Tagesschau und versammelte zahlreiche Lesben vor den Fernsehgeräten. Mausi aus der Provinz verliebt sich in Hamburg in die erste Frau, die sie im Sub kennen lernt und mit der sie auch eine Nacht verbringt. Jo möchte jedoch keine Beziehung mit ihr. Kaum hat Mausi das einigermaßen verdaut, verliebt sie sich glücklich in Yumiko. Und bald ist Mausi klar, dass sie ihrer Mutter von ihrem Lesbischsein erzählen möchte. Nur – wie stellt sie das an? Nach mehreren Anläufen entdeckt Mausi ihr „Geheimnis“, muss jedoch feststellen, dass die Mutter nicht weiter beeindruckt ist. Inge Meysel sei doch auch so, kommentiert sie Mausis „Geständnis“ und kehrt locker zum örtlichen Klatsch zurück, den sie viel aufregender zu finden scheint. Mausi wächst daran, sich ihren Ängsten zu stellen und erkennt außerdem, dass sie unbegründet waren.


In den folgenden Jahren tauchten immer mal wieder lesbische Filmanspielungen auf, gingen aber im heterosexuellen Tenor unter. In Sandra Nettelbecks Porträt mehrerer junger Leute, deren Leben "unbeständig und kühl" (1996) zu sein scheint, gibt es auch eine junge Lesbe, die sich mit ihrer Bindungsangst und ihrem Alkoholismus jede ernsthafte Beziehung zerstört. Volltrunken verunglückt sie mit dem Wagen und stirbt an den Unfallfolgen. Ihre Geliebte (Sandra Nettelbeck übrigens selbst) kann ihr am Krankenbett nur noch das letzte Geleit geben. Die genannten Filme der neunziger Jahre liefen vorwiegend im Fernsehen und waren – bis auf wenige Festivalausnahmen – einem Kinopublikum und dessen Kritik nicht wirklich zugänglich.4


Die nächsten Lesben mussten sich aus Kostengründen wieder mit dem heimischen Bildschirm begnügen. Dagmar Hirtz, die sich bisher eher als Cutterin einen Namen gemacht hatte, platzierte mit dem Coming-Out-Drama "Die Konkurrentin" (1997) einen weiteren Meilenstein in die Geschichtsschreibung des deutschen Lesbenfilms. Der gestandenen Unternehmensberaterin Katharina wird die jung-dynamische Maren zur Seite gestellt, die zunächst als Konkurrentin auftritt und die ältere aus ihrem Job zu verdrängen droht. Stattdessen machen die Frauen aber in Kürze gemeinsame Sache und tun sich auch privat zusammen. Zum einen griff diese Produktion alte interne Lesbenbewegungsklischees der siebziger/achtziger Jahre auf, nach denen Lesben die "besseren" und „solidarischeren“ Menschen sind; zum anderen ließ die Message der Inszenierung keinen Zweifel daran, dass die Bedeutung einer lesbischen Beziehung ohne Frage einer heterosexuellen gleichgestellt, wenn nicht sogar ihr überlegen ist.


Im gleichen Jahr durfte dann auch Angelina Maccarone, die bei "Kommt Mausi raus?" noch einen Regisseur im Team hatte, mit "Alles wird gut" (1997) ihren eigenen Film fürs Fernsehen drehen. Eine junge Afrodeutsche will ihre Ex-Geliebte zurückerobern und verliebt sich dabei in eine völlig andere – ebenfalls afrodeutsche – Frau, die außerdem noch hetero ist. Und natürlich "kriegen sie sich" am Schluss. Für deutsche Fernsehverhältnisse ging Maccarone hier erfrischend locker ans Werk, dekorierte die Hetera-Wohnung mit allerlei Dildos und ironisierte die Berührungsängste durch absurde heterosexuelle Beziehungsstrukturen. Maccarone setzt in ihrer politischen, antirassistischen Inszenierung auf die klassische Filmsprache, um alte Sehgewohnheiten mit neuen Inhalten zu füllen.


Zur gleichen Zeit verfilmte Bernd Böhlich "Das Hochzeitsgeschenk" (1997) nach einem Buch von Claudia Pütz, die zusammen mit Katharina Eckart auch für das Drehbuch verantwortlich war. Obwohl die Produktion besonders in den Nebenrollen mit einer Starbesetzung aufwarten kann (z. B. Gudrun Landgrebe als Mutter der Lesbe) verliert der Film durch die verklemmt anmutende Geschichte einer jungen erfolgreichen Lesbe, die sich nicht traut, ihrer bornierten Familie ihr Lesbischsein zu offenbaren und damit auch ihre Freundin verleugnet und demütigt. Die Dialoge sind sperrig, die Geschichte ein wenig altbacken – insgesamt ein enttäuschender Film.


Mit Max Färberböcks "Aimée & Jaguar " (1997) kam 1999 ein Film in die Kinos6, der nicht nur eine authentische lesbische Liebesgeschichte erzählt, sondern eine, die sich während der Nazizeit ereignet und von deutschen Stars dargestellt wird. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Buch von Erica Fischer, die sowohl die erhaltenen (Liebes-)Briefe zwischen der jüdischen Widerstandskämpferin Felice Schragenheim und der 'arischen' Mutterkreuzträgerin Lilly Wust7 als auch Erinnerungen von Lilly Wust selbst verarbeitet hat.8 Erica Fischers Darstellung – eine naive Mutterkreuzträgerin verliebt sich in eine jüdische Widerstandskämpferin, versteckt sie eine Zeit lang, kann sie jedoch nicht vor den Nazis retten und glorifiziert ihre kurze Beziehung als einzige und großartige tragisch endende Liebe – führte bei Zeitzeuginnen zu heftiger Kritik. Schragenheim sei abhängig von Wust gewesen, heißt es darin, nicht innige Liebe, sondern Angst vor Entdeckung sei der Grund für die Partnerschaft gewesen. Des Weiteren vermutet eine Zeitzeugin, Wust könnte Schragenheim an die Nazis verraten haben. Ihre Eifersucht und ihr Versuch, sie in Theresienstadt zu besuchen, hätten vielleicht sogar Schragenheims Todesurteil besiegelt.9 In einer zweiten Auflage von 1998 änderte Fischer ein paar Episoden, behielt aber den Tenor der anrührenden Liebesgeschichte bei.10 All diese Kontroversen lässt der Film nur bei Kenntnis der unterschiedlichen Buchversionen erahnen: In der Schlusssequenz, in der die gealterte Lilly Wust die ebenfalls gealterte ehemalige dienstverpflichtete Haushälterin Ilse im Park trifft, erinnert sie sich an deren damalige Reaktion auf ihre Eröffnung, sie habe Schragenheim in Theresienstadt besucht, sie würde nun verlegt. "Weißt du, was du getan hast, Lilly?", fragt Ilse erschüttert. Die versteht sie nicht und will stattdessen wissen, ob Ilse noch einmal mit Felice geschlafen habe. Das Schicksal habe sie betrogen, resümiert die alte Wust verbittert. Aber Ilse lässt das nicht zu. Erst sei es Hitler gewesen, nun das Schicksal, bei ihr müsse immer etwas Großes Schuld sein. Nein, betrogen hätte nur sie sich selbst.


Sowohl Juliane Köhler, die Darstellerin der Lilly Wust, als auch Maria Schrader, die Felice Schragenheim verkörpert, wurden für ihre Leistungen mit dem Filmband in Gold geehrt – was einem Film mit unmissverständlich lesbischem Inhalt so in der deutschen Filmgeschichte seit den "bitteren Tränen der Petra von Kant" nicht mehr als Ehre widerfahren war.



© Ingeborg Boxhammer (Bonn 2005)


Zitiervorschlag:
Boxhammer, Ingeborg: Lesbische Spuren im Film - Die neunziger Jahre online. Bonn 2005. Available from: Online-Projekt Lesbengeschichte. Boxhammer, Ingeborg/Leidinger, Christiane. URL <http://www.lesbengeschichte.de/film_die_90_d.html> cited DATE.


1 Als Koproduktion mit dem NDR dort am 14. April 1991 gesendet. Quelle: www.filmportal.de.
2 Laut dem Bund lesbischer und schwuler JournalistInnen (BLSJ) hatte sich Folkerts bereits 1998 zu ihrem Lesbischsein bekannt; der "Stern" hatte sie vorher mit ihrem Einverständnis geoutet: http://www.blsj.de/aktionen/outen.htm, 2005.
3 Erstausstrahlung am 07. Juni 1995 um 20:15 Uhr in der ARD.
4 Ich gehe dabei davon aus, dass ein Kinofilm immer noch höher bewertet wird als ein Fernsehfilm. Ein Film, der im Kino gesehen wurde, genießt mehr Ansehen als ein Film, der „nur“ im Fernsehen lief.
5 Vgl. dazu Jan Hans, Angelmac. Die Regisseurin Angelina Maccarone, in: Michael Töteberg (Hrsg.), Szenenwechsel. Momentaufnahmen des jungen deutschen Films. Reinbek bei Hamburg 1999, S. 145-151, S. 146.
6 Uraufführung auf der Berlinale 1999.
7 Nach ihrer Rede anlässlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Lilly Wust bemühten sich viele JournalistInnen um ihre Geschichte. In den Neunzigern lässt sich beinah von einem Medienhype sprechen: In Deutschland wurde 1994 vom WDR die Wust-Dokumentation „Das kurze Glück zum langen Traum“ produziert, Regie: Sabine Stadtmüller. Und unter dem Titel „Wenn Frauen Frauen lieben“ begrüßte Alfred Biolek in „Boulevard Bio“ 1994 Lilly Wust neben Maren Kroymann. In England entstand 1997 die Dokumentation „Love Story. Berlin 1942“ von Catrine Clay.
8 Erica Fischer, Aimée & Jaguar. Eine Liebesgeschichte, Berlin 1943. Köln 1994.
9 Vgl. hierzu Esther Dischereit, Die Geschichte hinter der Geschichte von Aimée und Jaguar: Zwischen Abhängigkeit, Prostitution und Widerstand, auf www.hagalil.com/archiv/99/10/jaguar.htm, 2005, oder auch Katharina Sperber, Eine andere Vision: Schmerzhafte Erinnerungen einer Überlebenden, auf www.berlin-judentum.de/frauen/predski.htm, 2005, erstmals abgedruckt in der Frankfurter Rundschau vom 07.01.2003.
10 Ebda.

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