Lesbische Spuren im Film


Die achtziger Jahre


Weggehen um anzukommenSei zärtlich, PinguinNovembermondClaire BerolinaVerführung: Die grausame FrauNichts ist wie es istJohanna D’Arc of MongoliaDie JungfrauenmaschineMy Father is Coming


Vielleicht kann Alexandra von Grotes „Weggehen um anzukommen" (1981) als Auftakt zu einer neuen Dekade der Lesbenfilme gesehen werden. „Weggehen um anzukommen“ ist in seiner Zielaussage ähnlich simpel wie sein Titel. Eine Frau kann die Trennung von ihrer Liebsten nicht verwinden und fährt mit ihrem Wohnbulli nach Südfrankreich, wo sie sich wiederzufinden hofft. Die Landschaftsbilder sind durchsetzt von Erinnerungen an die gemeinsame Liebe, aber auch an Streitereien. Mit „Weggehen um anzukommen“ schuf Alexandra von Grote das erste von einer Frau gedrehte unmissverständlich lesbische Beziehungsdrama, das bundesweit im Kino zu sehen war und die sexuelle Orientierung der Protagonistin in keiner Weise in Frage stellte oder erklärte. Immerhin gab es in dieser Produktion lesbischen Sex, dessen Darstellung sich nicht dem männlichen Blick auszuliefern suchte. Allerdings gerieten die Sexszenen dennoch steif und gekünstelt, was nicht zuletzt den mangelnden schauspielerischen Fähigkeiten und der ungeübten Regie zuzuschreiben ist.1 Bemerkenswert bleibt, dass es hier um die Verarbeitung einer Trennung geht, während spätere Filme sich eher um das Finden zweier Frauen drehen und daraus in jeder erdenklichen Variation einen scheinbar gleich bleibenden Thrill erzielen.


In einer deutsch-österreichischen Koproduktion von 1982 spürt Regisseur Peter Hajek kritisch-ironisch emanzipatorischen Zielsetzungen der Frauenbewegung nach. Eine Frau trennt sich von ihrem Mann, weil ihr der Sex mit ihm keinen Spaß macht. Stattdessen entdeckt sie ihre Lust mit der frisch erwachten Lesbe und Freundin Debbie. Aber natürlich will die Hetera Nina zu ihrem Mick zurück, der außerdem während ihrer Selbstfindungsphase aus dem Frauenbuchladen geworfen wurde, in dem er sich doch nur über die Sexualität seiner Freundin informieren wollte… "Sei zärtlich, Pinguin" spiegelt das männliche Unverständnis für weibliche Bedürfnisse (nach Frauenräumen) wieder, führt sie ad absurdum und lässt die Heterosexualität scheinbar alle Differenzen besiegen, die im Laufe des Films systematisch herausgearbeitet wurden.


1984 drehte von Grote "Novembermond", einen im durch die Nazis besetzten Frankreich spielender Anti-Kriegsfilm, der erneut die Liebe zwischen zwei Frauen zum Thema hat. Die Französin Ferial nimmt die Jüdin November, mit der sie eine Beziehung hat, bei sich auf. Um nicht aufzufallen, kollaboriert sie mit den Besatzern und wird nach Kriegsende brutal zur Rechenschaft gezogen. Ein Nazidrama, das zwar vom Ansatz her spannend und Bahn brechend klingt, jedoch durch die fehlbesetzte Hauptrolle (wie in „Weggehen um anzukommen“, Gabriele Osburg) an Wirkung verliert.2


In der DDR wurde 1985 mit „Claire Berolina" (Klaus Gendries) dem künstlerischen Leben der Claire Waldoff ein Denkmal gesetzt.3 Zwar ist ersichtlich, dass Waldoff mit Oli von Roeder eine innige Freundschaft verband. Von Roeder lebt mit Waldoff zusammen bzw. ist immer in der Wohnung, wenn Waldoff da ist. Ginge es um eine heterosexuelle Beziehung, wäre die Beziehung der beiden klar und bedürfte keiner weiteren Szenen. Aber vermutlich gäbe es dann nicht nur eine ausgeblendete Umarmung, die in einen Kuss mündet. Die Frauenbeziehung der Waldoff läuft sozusagen nebenher, nuanciert Kabarettauftritte oder kommentiert Erfahrungen mit nationalsozialistischen Begegnungen. Das Porträt zeigt leider nur einen Ausschnitt aus Claire Waldoffs Leben4 , zu dem Frauenbeziehungen eben genau so gehörten wie die Bühnenpräsenz oder die „große Klappe“.


1985 war Monika Treut auf dem Höhepunkt ihres gemeinsamen Schaffens mit der Kamerafrau und Filmemacherin Elfi Mikesch. Zusammen drehten sie die von Leopold Sacher-Masoch inspirierte „Verführung: Die grausame Frau" . So grausam ist Wanda nicht; sie bietet ihren Gästen in einer Galerie die Inkarnation ihrer geheimsten Wünsche und Träume. Während Wanda beruflich die Domina spielt, muss sie sich privat mit ihrer skeptischen und schließlich eifersüchtigen Geliebten auseinandersetzen, da nun auch noch die amerikanische Geliebte Justine auftaucht. Mikesch bettete die Geschichte, die mitunter aus losen assoziativen Episoden besteht, in durchgestylte Bilder mit gewohnt hervorragender Kameraarbeit (schräge Perspektiven, schillerndes Licht etc.). Monika Treut veröffentlichte passend zum Film „Die grausame Frau. Zum Frauenbild bei de Sade und Sacher-Masoch.“5 Die Behandlung sadomasochistischer Thematik fiel Mitte der Achtziger auf fruchtbaren Boden: Vielerorts wurde gerade über (lesbische) Sexualität diskutiert, so genannter „Kuschelsex“ in Frage gestellt. Krista Beinsteins „Obszöne Frauen6 sorgten für Konflikte in deutschen Frauenbuchläden, während Alice Schwarzer mit der PorNo-Debatte für regulierende Gesetze kämpfte.7


Interessanterweise produzierte der Bayerische Rundfunk, der sich 1977 wegen der „Konsequenz“ von Wolfgang Petersen aus dem gemeinsamen Programm der ARD ausgeschaltet hatte, 1987 mit der literarischen Filmerzählung „Nichts ist wie es ist “ (Karl Heinz Kramberg, Maria Kramberg) einen Fernsehfilm unbestreitbar lesbischen Inhalts. Die Fotografin Ulla Gamiani reist nach Lappland und nimmt sich unterwegs eine Gespielin. Die Geschichte wird aus der Sicht der Fotografin erzählt, die sich herrschsüchtig und egozentrisch wenig um die Belange ihres Schützlings kümmert. Als ihre Geliebte sich jedoch auf einen verirrten Überlebenskünstler einlässt, bricht die künstliche Idylle zusammen. Ein Kammerspiel zwischen drei Personen, bei dem die Fotografin die zentrale Rolle einnimmt und den Erzählduktus in jeder Hinsicht bestimmt. Sie verliert zwar ihre Geliebte, nicht jedoch ihre Identität.


1988 setzte Ulrike Ottinger mit einer etwas weniger experimentell inszenierten Geschichte ihre Handschrift in „Johanna D’Arc of Mongoliafort. Zum einen gab sie hier den Blick frei auf mongolische Reitervölker, zum anderen erzählte sie eine lockere Bettgeschichte zwischen zwei Frauen, die mit der Transsibirischen Eisenbahn fahren und von Amazonen entführt werden.8


Wiederum preschte Monika Treut vor und machte in der „Jungfrauenmaschine “ (1988) auch der letzten Provinzlesbe klar, dass nicht jede Frau, die mit dir schläft, dies auch kostenlos tut. Treut lässt die naive Dorothee Müller aus Hamburg – auf der Suche nach der romantischen Liebe – im progressiven San Francisco teuer für die Zeit mit ihrer Angebeteten bezahlen; die Performerin Ramona stellt ihr zu ihrer größten Verwunderung einfach alles in Rechnung. Auch „My Father is Coming" (1990/91) wurde in den USA gedreht. Es geht um eine erfolglose Schauspielerin, die plötzlich vom Besuch ihres bayerischen (!) Vaters überrascht wird und ihm sowohl eine Karriere als auch ein angepasst heterosexuelles Leben vorgaukelt, obwohl sie eine Affäre mit einer Kellnerin hat und sich sehr für Joe interessiert, der ihr offenbart, dass er transsexuell ist. Zwar dreht Treut mit finanzieller Unterstützung aus Deutschland, ihre Filme konzentrieren sich jedoch überwiegend auf ein idealisiertes Amerika, in dem sich alle Experimente mit den Geschlechterrollen mühelos ausprobieren lassen.9



© Ingeborg Boxhammer (Bonn 2005)


Zitiervorschlag:
Boxhammer, Ingeborg: Lesbische Spuren im Film - Die achtziger Jahre online. Bonn 2005. Available from: Online-Projekt Lesbengeschichte. Boxhammer, Ingeborg/Leidinger, Christiane. URL <http://www.lesbengeschichte.de/film_die_80_d.html> cited DATE.



1 Vgl. Hetzes treffende Kritik: „Ihre Sexualität wird mit glatten, harmonischen Bildern abgebildet – zwei makellose Körper in himmelblau schattierter Bettwäsche – die sich leidenschaftslos bei sanfter, musikalischer Untermalung an abgesteckten, erlaubten Körperzonen liebkosen und dabei gefühlvoll stöhnen", Stefanie Hetze, a. a. O., S. 118f. Oder auch bitterbös Karola Gramann und Heide Schlüpmann: „In der obligatorischen Bettszene schließlich gelingt dem Film eine familienfreundliche Verknüpfung von David Hamilton und Clementine“, Karola Gramann, Heide Schlüpmann, „Wärst du doch in Düsseldorf geblieben…“ Zu ‚Weggehen um anzukommen’, in: Frauen und Film 32/1982, S. 55f, S. 56.
2 Vgl. hierzu auch Julia Knight: "Die Tatsache, dass Krieg herrscht, Novembers Rassenzugehörigkeit und die politischen Neigungen ihres Vaters sind nebensächlich. Sie dienen lediglich zur Steigerung der dramatischen Spannung, innerhalb derer die Liebesgeschichte sich abspielt (...). Für das wenige, was der Film wirklich über lesbische Sexualität sagt – trotz der einfühlsamen Darstellung der Beziehung – könnten November und Ferial leicht durch ein heterosexuelles Paar ersetzt werden“, Knight, 1995, a. a. O., S. 131.
3 Siehe mehr zu Claire Waldoff in der "Biografischen Skizze".
4 Siehe auch das Porträt „Claire Waldoff – Wer schmeißt denn da mit Lehm?“. D 2000. R: Elisabeth Publig.
5 Monika Treut, Die grausame Frau. Zum Frauenbild bei de Sade und Sacher-Masoch. Basel und Frankfurt am Main 1984.
6 Krista Beinstein, Obszöne Frauen. Wien 1986. Der Fotoband bildet u. a. Frauen ab, die sich von Frauen demütigen lassen. Aufsehen erregte das Buch, weil die Fotos, wären sie von Männern gemacht gewesen, niemals einen Platz im Regal eines Frauenbuchladens gefunden hätten.
7 Diese biografische Seite zu Alice Schwarzer lässt ihre PorNo-Debatte ab 1987 beginnen: http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/SchwarzerAlice/, 2005.
8 Für Ottinger war es der letzte (lesbische) Spielfilm; danach widmete sie sich vorwiegend Theaterproduktionen und Dokumentarfilmen. http://www.ulrikeottinger.com, 2005. Siehe zu Ulrike Ottinger auch Renate Fischetti, Das neue Kino. Acht Porträts von deutschen Regisseurinnen. Frankfurt/Main 1992.
9 Vgl. hierzu auch Anat Pick, New Queer Cinema and lesbian films, in: New Queer Cinema. A Critical Reader. Edited by Michele Aaron. Edinburgh 2004, S. 103-118, S. 113: „Her American Dream is a utopian one.“

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