Lesbische Spuren im Film


Die Jahrtausendwende


Fremde FreundinZärtliche BegierdeZwei Frauen, ein Mann und ein BabyDoppelter Einsatz: Blutroter MondLieb michDie Reise nach KafiristanAffäre zu drittLiebe und VerlangenDie RitterinnenSchöne FrauenNachbarinnenAbgefahren


Nach mehreren Jahren im Gefängnis kehrt eine junge Frau zurück und sucht ihre inzwischen "Fremde Freundin" (1999) auf. Ellen hat den Freund von Katrin im Affekt erschlagen. Oder etwa nicht? In einem dichten Kammerspiel zwingt Ellen Katrin, sich zu erinnern und obwohl diese sich wehrt, stellt sich nicht nur heraus, dass Ellen der Freundin mehr als zugetan war, sondern auch, dass Katrin und nicht Ellen für den Tod des Freundes verantwortlich ist. Die Regisseurin Anne Hoegh Krohn spürte hier mit dem Seziermesser einer scheinbar unantastbaren Frauenfreundschaft nach.


Vielleicht waren es die Einschaltquoten dieser öffentlich-rechtlichen Ausstrahlungen, die insbesondere RTL zu einer Reihe von Filmen mit lesbischem Inhalt animierten. 1999 entstand mit Zärtliche Begierde“ (Michael Keusch) eine Komödie über eine sich vernachlässigt fühlende Ehefrau, die sich in die Motorrad fahrende lesbische Nachbarin verliebt und mit ihre eine Affäre hat, aber schließlich wieder zu ihrem reumütigen Gatten zurückkehrt, wobei offen bleibt, ob die Lesbe gänzlich aus ihrem Leben verschwinden wird oder nicht. Interessant ist in dieser seichten Ehekomödie besonders die permanente Überlegenheit der Lesbe: Sie ist unabhängig und selbstbewusst, integriert in die Hamburger Lesbenszene und erscheint selbst im Trennungsschmerz lebensfähiger und vor allem fairer als die heterosexuell Agierenden – obgleich auch sie mit einem Leben zu zweit und einem trauten Heim liebäugelt.


In Österreich drehte Wolfgang Murnberger Zwei Frauen, ein Mann und ein Baby“. Ein lesbisches Pärchen möchte gern ein Baby haben. Iris engagiert einen Mann und alles lässt sich gut an, aber dummerweise verliebt sich ihre Freundin Sandra in ihn und trennt sich von Iris. Hier wird nahe gelegt, dass in einer lesbischen Beziehung mindestens eine von beiden tendenziell bisexuell leben könnte. Die heterosexuelle Geschichte wird parallel zu Iris’ Erlebnissen in der Wiener Lesbenszene erzählt. Nach einer wilden schwul-lesbischen Clubbing Party muss sie den Schlüsseldienst zu Hilfe rufen lassen, da leider der Schlüssel für die Handschellen im Tohuwabohu abhanden gekommen und sie an ihre neue Geliebte gefesselt ist… Und am Ende finden sich doch Iris und Sandra wieder, vor dem Traualtar, der eigentlich für den Kindsvater vorgesehen war. Die nervige Heterogeschichte soll natürlich das Zielpublikum erweitern und nimmt insgesamt zu viel Raum ein. Der Nebenschauplatz, eine Wiener Lesbenbar, ist allerdings der zentrale Ort, an dem alle Fäden zusammen laufen, an dem Herzen ausgeschüttet, Entwicklungen kommentiert und analysiert oder neue Kontakte geknüpft werden. Die Clubbing Party, die hier stattfindet, gehört nicht zum bisherigen lesbischen Leben von Iris und Sandra, die als Liebespaar überall in ihrem Umfeld out und mehr oder mitunter auch weniger anerkannt sind, sondern repräsentiert eine dekadente schwul-lesbische Welt, die auch der sich darauf einlassenden Iris fremd ist.


RTL erkannte das Potenzial1 und ließ eine der führenden Serienkommissarinnen, Sabrina, in Doppelter Einsatz: Blutroter Mond (2000, Torsten C. Fischer) mit der Mordverdächtigen ins Bett steigen. Zwar ist die Lesbe dann doch nicht die Täterin, aber Sabrina fühlt sich von ihr belogen und kann natürlich nicht mit ihr zusammen bleiben. Die Öffentlich-Rechtlichen zogen mit Lieb mich!" (2000) von Maris Pfeiffer nach. Die verheiratete Mutter eines kleinen Jungen beginnt eine Affäre mit der selbstbewussten Lehrerin ihres Kindes und gerät darüber in allerlei Zweifel. Am Schluss jedoch – und das ist für die deutsche Fernsehöffentlichkeit im Jahr 2000 offenbar immer noch unumgänglich – kehrt sie zu ihrer Familie zurück.


Die Brüder Donatello und Fosco Dubini inszenierten Anfang des neuen Jahrtausends Die Reise nach Kafiristan(2001), ein Roadmovie, das die authentische und gemeinsame Reise der jüdischen Autorin Annemarie Schwarzenbach mit der Ethnologin Ella Maillart schildert, die die beiden im Frühjahr 1939 nach Afghanistan unternommen haben. Der Film erhebt keinen biografischen Anspruch, sondern konzentriert sich – so das Presseheft2 – unter anderem auf „Freundschaft und Beziehung“. Allerdings sind die Informationsfetzen ohne Kenntnisse der Biografien nicht verständlich; die Freundschaft zwischen Maillart und Schwarzenbach bleibt überwiegend kalt und die Nacht, die Schwarzenbach in Teheran mit der kranken Tochter des Botschafters verbringt, ist – aus dem Zusammenhang gerissen – wenig nachvollziehbar.3 „Leblos, langweilig“4 sind die Bilder inszeniert, die doch zwei wirklich spannende Frauen vorstellen wollten.


Dreiecksgeschichten waren schon immer sehr beliebt bei den „Machern“, denn sie decken so viele verschiedene Zielgruppen ab. Deshalb wurde sicher auch Affäre zu dritt (Sat 1, 2003, Josh Broecker) gedreht, in der eine Gerichtsmedizinerin mit der Kollegin ihres Mannes ins Bett geht, sich jedoch nicht als lesbisch oder bisexuell versteht. Am Schluss rettet die Polizistin dem Rivalen in einer prekären Situation eben nicht das Leben und verliert damit die Geliebte, die ihr das nicht verzeihen kann, obwohl der Mann schwer verletzt überlebt. Würde Franziska, die Geliebte der Ehefrau, durch einen Mann ersetzt, gäbe es nichts zu diesem ansonsten unspektakulären Film zu sagen.


Dagegen stellt die ZDF-Produktion Liebe und Verlangen(2003, Judith Kennel) für die geplagte lesbische Fernsehzuschauerin in Deutschland beinah einen wahren Lichtblick dar. Eine verheiratete Hausfrau und Mutter verliebt sich in eine lesbische Lehrerin, deren Vorgesetzter ihr Mann ist. Die dramatische Liebesgeschichte ereignet sich in einer Kleinstadt in der Nähe von Köln und sorgt für Anfeindungen und perfide Anzeigen, die das Leben der Lesbe beinah zerstören. Gerade an diesem Film wird deutlich, dass die Lesbe im deutschen Fernsehen gern als vereinzelt auftretendes Wesen gehandhabt wird. Die vermeintlichen Lesben sind alle Einzelgängerinnen, haben wenig bis keine Freundinnen und bewegen sich jenseits von jeglichem feministischen Bewusstsein. Die Frauen haben keinerlei Rückhalt in einer auch nur irgendwie gearteten so genannten „Szene“; sie wissen nichts von Beratungstelefonen, Selbsthilfegruppen oder Solidarität. Die derzeitige Absenz einer politisch-aktiven Frauen(lesben)bewegung lässt sich an diesen neuen Produktionen hervorragend ablesen. Durch das Heraustrennen aus einer negativ assoziierten lesbischen Umwelt rückt die Lesbe näher an das „Normale“ heran, erhält sie sympathische Züge.5 Immerhin verlassen die beiden Frauen zum Filmende gemeinsam die Stadt und brechen in ein neues, ebenfalls gemeinsames Leben auf. Damit reihen sie sich allerdings ein in Happy Endings à la Hollywood: Die Flucht vor der störenden Außenwelt gewährt trautes Beisammensein; weder werden (eheähnliche) Beziehungsstrukturen hinterfragt noch der Konflikt mit dem „Außen“ und „Innen“ gelöst.


In ihrem interessanten Projekt Die Ritterinnen(2002/2003) schaut die Filmemacherin Barbara Teufel halbdokumentarisch auf eine Gruppe linker, autonomer Frauen zurück, die im Berlin Ende der achtziger Jahre die Welt verändern wollten. In Spielszenen zeigt Teufel die politische Aufbruchstimmung, links-feministisches Leben und Lieben, die daraus resultierenden Aktivitäten und Konflikte. Durchsetzt sind die Spielszenen von eingestreuten Interviews mit den zurück blickenden „echten“ Frauen. Wenn auch ein seltenes Beispiel für feministische Reflexion, wirft der Film jedoch einige Fragen zur porträtierten Zeit auf, die er nicht hinreichend beantwortet.


Fünf Schöne Frauen (Sathyan Ramesh) treffen – ebenfalls 2003 – bei einem Casting–Termin aufeinander, testen zunächst ihre Konkurrenzfähigkeit, freunden sich dann miteinander an und kehren der Filmrolle den Rücken. Eine unter ihnen, Geno, wurde in den Eingangsszenen bereits als in einer lesbischen Beziehung lebend vorgestellt. Auch wenn es in den folgenden Auseinandersetzungen viel um Männer geht, wird hier die lesbische Beziehung ganz selbstverständlich gleichgesetzt und gleich behandelt. Die Frauenfreundschaften, die sich ergeben, sollen Tiefe haben und schließlich finden auch noch die Coolste und die Traurigste von ihnen zusammen ins Bett. Immerhin erscheint lesbische Anziehungskraft in den ernstzunehmenden Produktionen inzwischen als klare Möglichkeit.


Auch Nachbarinnen (2003) von Franziska Meletzky erzählt von der Annäherung zweier völlig unterschiedlicher Frauen. Die frustrierte Dora hat sich nach einer Trennung in ihrem Schmerz eingerichtet und nach außen abgeschottet. Am liebsten würde sie die lebenslustige Polin Jola, die bei ihr nach einem Schusswechsel mit dem übergriffigen Chef Schutz sucht, der Polizei ausliefern, um weiter ungestört verdrängen zu können, aber sie bringt es nicht über sich. Ganz im Gegenteil fühlt sie sich immer mehr zu Jola hingezogen und ersinnt Lügen, um sie zu halten, obwohl sie sie ja eigentlich hatte loswerden wollen. Dass die beiden Frauen auch miteinander ins Bett gehen, bemerkt der Film unspektakulär am Rande. Darum geht es nicht. Es geht darum, Nähe zulassen zu können, ohne die andere anketten zu wollen. Und Jola möchte auch nicht als Rettungsanker für eine einsame, verletzte Frau funktionalisiert werden. „Nachbarinnen“ ist eine zurückhaltend gefilmte Liebeskomödie über Ängste, Nähe und Kommunikation, die neugierig macht auf das weitere Schaffen der Regiedebütantin Meletzky.


Natürlich ist Abgefahren(2004, Jakob Schäuffelen) kein Lesbenfilm, denn die oberflächliche Unterhaltung dient nur dem Star des Films, Felicitas Woll aus der Fernsehserie „Berlin, Berlin“6, als Vehikel. Auch in der ersten Staffel der Serie gab es eine Lesbe, Rosalie, dargestellt von Sandra Borgmann, die der charismatischen Felicitas Woll mitunter die Show zu stehlen drohte. Da die Serie gute Einschaltquoten verzeichnen konnte (sie erreichte durchschnittlich drei Millionen ZuschauerInnen7), wurde Wolls Figur der Lolle in die Figur der Mia in „Abgefahren“ transponiert, die ebenfalls etwas chaotisch ist und nicht so recht weiß, ob sie die Frau oder den Mann will, sich aber schlussendlich doch natürlich für den Mann entscheidet. Mia träumt von einer Karriere als Rennfahrerin, techtelt dabei vorsichtig mit der coolen Fahrerin Sherin und geht dann dem scheinbar chauvinistischen Rennfahrer Cosmo auf den Leim, der sich natürlich als Frauenunterstützer und liebevoller Kerl erweist. Sherin hingegen entpuppt sich traditionell als böse Lesbe und scheidet damit erst recht als Liebesobjekt aus.



© Ingeborg Boxhammer (Bonn 2005)


Zitiervorschlag:
Boxhammer, Ingeborg: Lesbische Spuren im Film - Die Jahrtausendwende online. Bonn 2005. Available from: Online-Projekt Lesbengeschichte. Boxhammer, Ingeborg/Leidinger, Christiane. URL <http://www.lesbengeschichte.de/film_die_2000_d.html> cited DATE.


1 Bei einer weiteren Ausstrahlung von „Zwei Frauen, ein Mann und ein Baby“ im Sommer 2003 erreichte RTL übrigens 13,9% der Zielgruppe (= 15-49 Jährige). Vgl. http://www.ipm.ch/downloads/monatsber/Monatsbericht_TV_Juli03.pdf.
2 Vgl. Presseheft auf http://www.movierelations.de/presse/kafiristan.pdf, 2005.
3 Siehe genauer zum Leben und Werk von Annemarie Schwarzenbach die Dokumentation „Annemarie Schwarzenbach – Schweizerin und Rebellin 1908-1942“. Schweiz 2001. R: Carole Bonstein.
4 Vgl. die Kritik von Detlef Kühn in epd film 12/2002, S. 48.
5 Vgl. hierzu Hans Krah, Sexualität, Homosexualität, Geschlechterrollen. Mediale Konstruktionen und Strategien des Umgangs mit Homosexualität in Film und Fernsehen. In: FORUM Homosexualität und Literatur 29, 1997, S. 5-46.
6 „Berlin, Berlin“. Serie ARD. Erste Staffel (26 Folgen) erstmals ausgestrahlt im März/April 2002.
7 Quelle: http://www.serienjunkies.de/news/853.html, 2004

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