Gedenkfeier für Johanna Moosdorf


Vorgeschichte


1977 erschien von Johanna Moosdorf der Roman "Die Freundinnen" in der Nymphenburger Verlagshandlung, 1988 erfolgte eine Neuauflage als Taschenbuch im Fischer Verlag.1990 und 1991 bat mich mehrmals Madeleine Marti (Zürich), ich möge mich dafür einsetzen, dass die Bürgermeisterin von Berlin-Charlottenburg, Monika Wissel, der in Charlottenburg lebenden Romanautorin und Lyrikerin zu ihrem 80. Geburtstag am 12.07.1991 gratuliert. Es sei wichtig, einer Schriftstellerin nicht erst zu gedenken, wenn sie verstorben ist.


Monika Wissel folgte dieser Bitte (später sagte sie, ich hätte ihr in den Ohren gelegen) und besuchte die Schriftstellerin zu ihrem 80. Geburtstag, begleitet von einer entsprechenden Pressemitteilung des Bezirksamtes. Üblicherweise gratuliert ein Bezirksoberhaupt erst ab dem 90. Geburtstag persönlich. Sie regte eine Veranstaltung an, um über die Gratulation hinaus Johanna Moosdorf zu ehren. Die damalige Leiterin der Charlottenburger Volkshochschule, Ruth Ellerbrock, organisierte eine Lesung im Buchladen "Der Divan", der nahe der Wohnung liegt. Johanna Moosdorf konnte hier noch teilnehmen. Ab dieser Zeit begann eine Freundschaft zwischen beiden.


Monika Wissel besuchte in ihrer Funktion als Bürgermeisterin in allen folgenden Jahren die Schriftstellerin an ihrem Geburtstag. Fünf Jahre später fand zum 85. Geburtstag wieder eine Lesung statt, die Ruth Ellerbrock in einem kommunalen Cafe durchführte. Johanna Moosodorf konnte schon nicht mehr dabei sein.


Nach dem Tod von Johanna Moosdorf am 6. Juni 2000 gaben Ruth Ellerbrock, Dr. Madeleine Marti, Dr. Regula Venske, Monika Wissel und ich eine größere Todesanzeige in der Berliner Frauenzeitschrift "Blattgold" auf.


Gedenkfeier


Im Frühjahr 2005 beantragte Ruth Ellerbrock bei der zuständigen Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die Grabstätte als Ehrengrabstätte des Landes Berlin anzuerkennen und wurde hierbei von mir unterstützt. Zeitgleich wurde von mir eine Gedenkveranstaltung zum 5. Todestag im Frauenzentrum FRIEDA im Ostteil von Berlin organisiert, die am 28. Juni 2005 stattfand. Die Germanistin Dr. Birgit Schmidt hielt den Vortrag, Ruth Ellerbrock und Monika Wissel berichteten als Zeitzeuginnen. Bei der anschließenden Diskussion wurde das nahezu textidentische Ablehnungsschreiben der Senatsverwaltung an Ruth Ellerbrock und mich vorgelesen: "Nach eingehender Prüfung und der Würdigung des Schaffens von Johanna Moosdorfs konnte die Senatsverwaltung jedoch die Anregung leider nicht befürworten, da u.a. das Andenken in der Öffentlichkeit nicht fortlebt.“ Hier machte Monika Wissel den Vorschlag, am Haus in der Kastanienallee 27, in dem Johanna Moosdorf von 1959 bis zu ihrem Tode wohnte, eine Gedenktafel anbringen zu lassen. Wir drei "Aktivistinnen" machten uns an die Arbeit. Zuerst musste die Hausveraltung ausfindig gemacht und um ihre Zustimmung gebeten werden. Dann wurde der Text entworfen und mit der Hausverwaltung abgestimmt. Es wurde ein Künstler beauftragt, der schon mehrere Gedenktafeln im Bezirk angefertigt hatte. Referentinnen wurden gesucht und das Bezirksparlament eingeschaltet. Schließlich ging es an das Sammeln von Spenden, denn es war klar, dass der Bezirk sich aus Geldmangel nicht an den Kosten beteiligt. Ein Vorteil dieser Nichtbeteilung war, dass die "Historische Kommission" den Text nicht genehmigen musste. Dies ist ein Verfahren, das sich üblicherweise über viele Monate, wenn nicht Jahre hinzieht. Ein Rundbrief ging an die zahlreichen Befürworterinnen einer Johanna-Moosdorf-Gedenktafel, die uns bei der Veranstaltung im Frauenzentrum FRIEDA ihre Anschriften hinterlassen hatten, und an andere Frauen. Ein Hoch der Frauensolidarität, die eingehenden Spenden deckten sehr gut sämtliche Kosten.


Am 95. Geburtstag von Johanna Moosdorf fand die Einweihung der Gedenktafel mit einer anschließenden Veranstaltung im Buchladen "Der Divan" statt. Etwa 60 Frauen und drei Männer nahmen an beiden teil. Hier zeigte sich, dass das Andenken an sie doch in der Öffentlichkeit fortlebt.


Wie geht es weiter? Ruth Ellerbrock, Monika Wissel und ich sind weiterhin aktiv. Die in der Nähe des Hauses Kastanienallee 27 gelegene Stadtteilbibliothek wird demnächst den Namen von Johanna Moosdorf tragen.




© Ilse Kokula (Berlin 2006)


Zitiervorschlag:
Kokula, Ilse: Gedenkfeier für Johanna Moosdorf [online]. Berlin 2006. Available from: Online-Projekt Lesbengeschichte. Boxhammer, Ingeborg/Leidinger, Christiane. URL <http://www.lesbengeschichte.de/erinnern_feiern_berlin_d.html> [cited DATE].